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Hundert Jahre Winterthur von links:

Rote Tinte, spitze Feder.


Obschon immer noch jung und frech, ist unsere Zeitung im Vergleich mit einem Menschenleben eine Greisin geworden. Heute feiert sie ihren hundertsten Geburtstag. Natürlich wurde sie nicht mit dem Namen «Stadtblatt» so alt, aber als Zeitung der Winterthurer Linken: Erst erschien sie unter dem Titel «Anzeiger von Töss», dann hiess sie «Winterthurer Bezirksanzeiger und Anzeiger von Töss», «Arbeiterzeitung», «Winterthurer AZ» und schliesslich, seit dem 1. Januar 1997 «Stadtblatt». Eine kleine Zeitung war die «AZ» immer, auch in ihren besten Tagen, aber ein Wörtchen mitzureden hatte sie, hier in Winterthur. Doch was hat sie gesagt? Und wie hat sie es geschafft, hundertmal totgesagt hundertjährig zu werden?

Klar ist: Wir blicken auf 100 Jahre kämpferischen Journalismus zurück, lange Zeit mit dem Parteibuch der Sozialdemokraten in der Hand, dann ohne. Auf 100 Jahre Engagement für die Schwächeren, erst mit roter Tinte, später sind grüne Töne, feministisch-violette, rosa-schwule und andere Farbtupfer eingeflossen. Auch die Winterthurer Presselandschaft hat sich in dieser Zeit verändert. Noch in den sechziger Jahren gab's neben der «Arbeiterzeitung» drei weitere Tageszeitungen: das freisinnige «Tagblatt», die katholische «Hochwacht» und den «Landboten».Nun ist als Tageszeitung nur der «Landbote» übriggeblieben, ein übermächtiger Konkurent. Die Rolle des zehnmal kleineren «Stadtblatts» heute: Kontrapunkte setzten, andere Menschen zu Wort kommen lassen, eigene Geschichten recherchieren. Immer noch steht dem «Stadtblatt» der soziale Standpunkt näher als der wirtschaftsliberale, doch eine Ideologie verficht es nicht. Das war nicht immer so.

Rückblende eins: Die Hochblüte. «Aug um Aug, Zahn um Zahn, ist das heutige Losungswort», schreibt Redaktor Franz Pechota im Leitartikel der «Arbeiterzeitung» vom 3. Januar1910. Was noch 1903 gegolten habe, nämlich «leben und leben lassen», sei in der jetzigen Zeit des Klassenkampfs undenkbar. «Die Sprache der «Arbeiterzeitung» ist schärfer geworden. Nicht schärfer im Ton(...), sondern rücksichtsloser in der Herausarbeitung der Interessengegensätze aus dem Dickicht einer überlebten Harmoniephraseologie.» Nicht nur die «Arbeiterzeitung» ist in Kampfstimmung. Seit 1909 rumort es im Winterthurer Baugewerbe. Im April streiken die Maurer für den Neunstundentag und für eine Erhöhung des Minimallohns um 10 Rappen. Eine Einigung kommt nicht zustande. Die Fronten verhärten sich, Klassenkampfstimmung kommt auf. Als im März 1910 der Stadtrat das Streikpostenstehen verbietet, ist die Empörung gross. Und gross ist auch die Nachfrage nach dem Sprachrohr der Arbeiterschaft. Die «Arbeiterzeitung» berichtet über den Verlauf des Streiks, feiert jeden kleinen Erfolg und haut die arroganten Baumeister in die Pfanne. Nach dem endgültigen Scheitern der Streikbewegung im Baugewerbe tröstet die Zeitung die Arbeiterschaft: «Das Proletariat unseres Bezirks weiss, dass sein Gegner, die kapitalistische Reaktion, weniger solcher Siege auszuhalten vermag, als die Arbeiterschaft solche Niederlagen.» Man lasse sich die Hoffnung auf den endgültigen Sieg nicht nehmen.

Steiks machen stark. Der Maurerstreik bleibt nicht der einzige. In den Jahren vor dem ersten Weltkrieg folgen Arbeiskonflikte in der Metallindustrie und im Brauereigewerbe. Die Rolle der «Arbeiterzeitung»: Sie macht den privaten Konflikt zwischen Unternehmer und Arbeiterinnen wie Arbeitern zum Gegenstand öffentlicher Auseinandersetzung. Sie mobilisiert, informiert und die Argumente, weshalb die Aktionen berechtigt sind. Und sie stärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl der Arbeiter und Arbeiterinnen. Seit 1914 arbeitet sie mit dem Zürcher «Volksrecht» zusammen und erscheint als dessen Kopfblatt, das heisst: mit Ausnahme des Winterthurer Lokalteils übernimmt sie die Texte oder ganze Seiten vom «Volksrecht». Auch der Druck der Zeitung wird in die Zürcher Genossenschaftsdruckerei verlegt. Die Zusammenarbeit bringt einen Ausbau: Neu hat die «Arbeiterzeitung» mindestens sechs Seiten. Über das Volksrecht hat sie Zugang zu den Nachrichten der Schweizerischen Depeschenagentur . Die eidgenössischen Themen erhalten damit mehr Gewicht. Dazu in der Ausgabe vom 3.1.1914: «Wie oft haben wir es bedauert, dass der beschränkte Raum, der Mangel an Mitarbeitern(...) und das fehlen der neusten Depeschen uns hinderten, bedeutungsvolle Nachrichten rechtzeitig ins Licht unserer Parteibetrachtung zu rücken. In letzter Zeit jagten sich die Nachrichten, bei denen es die Redaktion in den Fingern kribbelte, die Feder in die röteste Tinte zu tauchen, um dem Unwillen der Arbeiterschaft und weiterer Volkskreise über die Einsichtslosigkeit(...) der freisinnigen Mehrheitspartei ungeschmälert Ausdruck zu geben.»

1914 erscheinen in der Schweiz 92 Arbeiterzeitungen, 11 davon täglich. Sie erreichen eine Gesamtauflage von etwa 140 000 Exemplaren. Seit 1880 hat die Bedeutung der Arbeiterpresse in der Schweiz ständig zu genommen. Kamen 1896 noch 33 bürgerliche Zeitungsexemplare auf eine Arbeiterzeitung, so ist das Verhältnis im Jahr 1913 12:1. Wie kam es zu diesem Boom der linken Presse?

Rückblende zwei: Die Arbeiterbewegung braucht eine Stimme. Die erste Nummer des «Anzeiger von Töss» erscheint am 23. Oktober 1897. Der erste Jahrgang der Zeitung ist nicht mehr auffindbar, erst ab 1898 ist sie im Zürcher Sozialarchiv vorhanden. Der «Anzeiger von Töss» ist noch keine offizielle Arbeiterzeitung, herausgegeben wird er weder von der SP, noch von der Arbeiterunion, sondern von einem Mann namens Jakob Wirz. Von Anfang an verfolgt das Blatt aber einen linken Kurs: Seine Leserschaft ist die Bevölkerung des Industrievorortes Töss. Die Zeitung erscheint dreimal pro Woche, jeweils um 17 Uhr.

Gegen die verbürgerlichten Demokraten. Bis in die siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts ist die Winterthurer Arbeiterschaft noch kaum organisiert. Arbeitervereine existieren nur in den Industrievororten, und die politisch aktiven Arbeiter machen in der Demokratischen Partei mit, die einen sozialliberalen Kurs verfolgt. Dies ändert sich 1870 mit der Diskussion um das kantonale Fabrikgesetz, das erstmals Maximalarbeitszeiten festlegen soll. «Mancher aus den Reihen der Demokraten, vielleicht die grössere Anzahl der demokratischen Vertreter, sind nur solange arbeiterfreundlich gesinnt, als die berechtigten Forderungen der Arbeiter ihre Geldinteressen nichtberühren», eröffnet Metallarbeiter Ehret am 26. März 1871 die konstituierende Versammlung der ersten Winterthurer Arbeiterunion. Die Arbeiterunion soll jene Aufgabe übernehmen, die die Demokraten und ihr Sprachrohr, der «Landbote», vernachlässigen: Sie soll sich für eine menschenwürdige Existenz der Arbeiterschaft einsetzten. Ihre Hauptaufgabe ist, die Arbeiterschaft besser zu organisieren, was bis in die 90er Jahre auch gelingt. Neben dem älteren Grütliverein entwickeln sich Arbeitervereine und sozialdemokratische Parteigruppen zu Trägern linker Politik.

Der «Anzeiger von Töss» wird Parteiblatt. Mit der Organisation wächst auch das Bedürfnis nach Kommunikation. Die Winterthurer Sozialdemokratie muss sich programmatisch von den Demokraten abgrenzen und ihre eigenen Wahlkandidaten bekanntmachen. Dazu braucht sie eine eigene Zeitung. Nach verschiedenen erfolglosen Anläufen entschliesst sich die Arbeiterunion, den linksgerichteten «Bezirksanzeiger von Töss» zu ihrem offiziellen Publikationsorgan zu machen. Zwei Sozialdemokraten (Walter & Gremminger) übernehmen das Blatt 1903 und schliessen mit der Arbeiterunion einen Vertrag ab, der den Status als offizielles Parteiblatt fixiert. Ab 1. Oktober erscheint das Blatt unter dem Titel «Winterthurer Arbeiterzeitung». Sie kommt vorerst dreimal wöchentlich heraus, wie auch schon der «Anzeiger von Töss». Ab Mitte 1904 wird sie zur Tageszeitung und nimmt den Kampf gegen das freisinnige «Neue Winterthurer Tagblatt» und gegen den demokratischen «Landboten» auf.

Zu diesem Zeitpunkt gibt es bereits einige andere Arbeiterzeitungen in der Schweiz: In Zürich erscheint schon seit 1851 der sozialpolitisch engagierte aber wenig klassenkämpferische «Grütlianer» und seit 1869 die «Tagwacht». 1898 kommt die erste Nummer des Zürcher «Volksrechts» heraus. Das SP-Organ «Basler Vorwärts» erscheint seit 1879 und die «Berner Tagwacht» seit 1893.

Die Redaktion der «Winterthurer Arbeiterzeitung» wird ab 1903 von den Parteigenossen Emil Walter und Bernhard Kaufmann geführt. Sie stellt sich ihren Leserinnen und Lesern wie folgt vor: «Wir klopfen um Einlass zunächst an die Türen der Arbeiterschaft. Dort möchten wir uns festsetzen. Licht in die Köpfe und Wärme in die Herzen tragen, auf dass eine Aufgeklärte von sittlichem Kraftbewusstsein getragene Organisation mit der Zeit alles umspanne, was auf dem Winterthurer Erwerbsgebiete sein Brot als Lohnarbeiter verdient.» Die Arbeiterunion hat nun ein eigenes Organ, doch die Mitsprache an der Gestaltung fehlt. Um auch die Verlagsrechte der Zeitung zu übernehmen, wird 1909 die Winterthurer Pressunion gegründet. «Es ist Ehrenpflicht aller Sektionen, dieser Genossenschaft beizutreten», heisst es im Jahresbericht 1908-1910 der Arbeiterunion. 1910 kauft die Pressunion die Verlagsrechte der Arbeiterzeitung für 20 000 Franken auf.

Geld und Zeit für ein Abo. Zum Aufstieg der Arbeiterzeitungen trägt das zunehmende Bildungsinteresse der Arbeiter in den Jahren zwischen 1880 und 1914 bei. Auch nimmt der Anteil der Arbeiter, die fliessend lesen und schreiben können stetig zu. Die kürzere Arbeitszeit von zehn Stunden täglich lässt wohl erstmals genügend Freizeit für Zeitungslektüren, und mit den real etwas gestiegenen Löhnen ist ein Zeitungsabo erschwinglich geworden. Nicht zu vergessen: Weder Fernsehen noch Radio konkurrenzieren um die Jahrhundertwende die Presse.

50 Jahre «Arbeiterzeitung». Am 13. November 1947 feiert die Arbeiterzeitung ihren 50. Geburtstag mit einer Separatnummer. Der Ton ist klassenkämpferisch, wie zuvor: «Es geht für uns nur um die Sache der sozialdemokratischen Bewegung, der Gewerkschaften und jener Genossenschaften, die dem lohnarbeitenden Volke dienen», schreibt Pressunionspräsident Alfred Stähli. «Deshalb braucht es da und dort Bekennermut, sich unser Blatt jeden Tag in den Briefkasten stecken zu lassen. In Familien ängstlich und Verwandten, die sich nur ein farbloses Allerweltsblatt oder das Organ der Sowohl-und-als-auch-Partei halten, gelten wir natürlich als eine wüste Hetz- und Sozizeitung.» Und Arbeitersekretär Ernst Wiesendanger bedauert, dass die «Arbeiterzeitung» noch nicht in jeder Arbeiterfamilie zu Hause ist. «Wir haben es ja in jüngster Zeit erfahren müssen, wie die bürgerlichen Zeitungen, die sich vor den Wahlen als sozial und arbeiterfreundlich gebärden, bei Arbeitskonflikten(...) ihr wahres Gesicht zeigen.» Als Beispiel nennt er einen Streik in der Bindfadenfabrik Flurlingen vom Vorjahr.

Ausbau in Richtung Unterhaltung. Für die fünfziger und sechziger Jahre sind die Informationen über die «Arbeiterzeitung» rar. Wir kennen die Liste der Redaktoren , die zeigt, dass wie bisher nur ein Vollzeitredaktor auf der Lokalredaktion arbeitet. Die Zusammenarbeit mit dem «Volksrecht» wird weiter geführt. Und wir haben die Zeitung: Dort finden wir nicht mehr bloss politische Artikel, sondern zunehmend auch unterhaltende Elemente. Der Sport erhält immer mehr Platz, Theaterkritiken werden regelmässiger Bestandteil der «Arbeiterzeitung», und ein Feuilleton wird aufgebaut. Bilder hingegen bleiben bis in die siebziger Jahre hinein selten, und auch die journalistischen Formen sind noch nicht sehr abwechslungsreich: So gibt's einmal den Leitartikel, der politische Themen erläutert und kommentiert. Daneben findet sich oft eine sachliche politische Berichterstattung, die im nationalen und internationalen Teil von den Agenturen übernommen wird. Für die beiden Seiten «Winterthur» und «Region» wird sie von der Lokalredaktion verfasst. Kommentare sind im Lokalteil selten, sie beschränken sich auf wichtige Ereignisse und auf kommunale Wahlen und Abstimmungen.

«In den fünfziger Jahren, in der Zeit vor dem Frauenstimmrecht, entsprach die Auflage noch etwa der Zahl der SP-Wähler», erinnert sich der ehemalige Mitarbeiter Traugott Biedermann. «Es gab zwar auch SP-Wähler, welche die Arbeiterzeitung nicht hatten, dafür gab es Abonnenten, die nicht in der Partei waren.» Doch dann ging die Auflage zurück. 1950 waren es noch etwa 5000 Abonnentinnen und Abonnenten, zehn Jahre später knapp 4000.

Ein grosser Wurf scheitert am Geld. Dem Abonnentenschwung setzt die linke Presse nach einer jahrelangen Planungsphase ein ehrgeiziges Projekt entgegen: 1970 schliessen sich zehn sozialdemokratische Zeitungen im AZ-Ring zusammen: der «Freie Aargauer» (Aarau), die «Thurgauer AZ» (Arbon), die «AZ Abendzeitung» (Basel), die «Freie Innerschweiz» (Luzern), «Das Volk» (Olten), die «Volksstimme» (St. Gallen), die «Schaffhauser AZ», die «Oberländer AZ» (Wetzikon), das «Volksrecht» (neu «Zürcher AZ») und die «Winterthurer Arbeiterzeitung», die sich nun kurz «Winterthurer AZ» nennt. Nur die «Berner Tagwacht» ist nicht dabei.

Am 5. Januar 1970 erscheinen die neuen «Azs» mit einer Gesamtauflage von 68 000 Exemplaren.

200 000 Leser sollen mit dieser Zeitung erreicht werden, eine gute Plattform für Inserenten, hofft man. «Wir sind die fünftgrösste deutschsprachige Tageszeitung», frohlockt der Leitartikel vom 5. Januar. Die neue «AZ» sei «ein Experiment», schreibt Redaktionsleiter Helmut Hubacher. Jede «AZ» produziert ihren eigenen Lokalteil, für den internationalen und nationalen Teil ist die neue Zentralredaktion in Zürich unter der Leitung von Helmut Hubacher zuständig. Weiter plant man, mit der Wiener «Arbeiterzeitung» zusammenzuarbeiten. Insgesamt hat die Zeitung 18 Seiten, die auch Sport, Gesellschaft, Kultur und neu eine letzte Seite mit vermischten Meldungen umfassen. Die neue «AZ» wirkt im Vergleich zur vorangehenden modern. Der Zeitungskopf erhält Farbe: Ein knalliges Rot umrahmt das Kürzel «AZ», und erstmals finden sich regelmässig Bilder auf der Frontseite. Meinung und Fakten werden stärker getrennt, die wichtigste nationale oder internationale Nachricht wird täglich in einem Einspalter auf der Frontseite kommentiert. Auch die Schweiz-Seite erhält fast täglich einen Kommentar. Am 5./6. Januar 1972 rügt zum Beispiel Redaktor Paul L. Walser die Schweizer Regierung, weil sie nicht wie die skandinavische gegen den Vietnamkrieg protestiert.

Krise und Analyse. Doch die neue «AZ» hält nicht lange. Am 21.12 1972 bricht der AZ-Ring auseinander. Die Abonnentenzahl konnte nicht erhöht werden und die Inserate blieben unter den Erwartungen. In den folgenden Jahren ändern sich die Konzepte der verschiedenen «AZs» laufend, manche gehen ein, so auch die «Zürcher AZ», die Nachfolgerin des «Volksrechts». Ihre Einstellung 1973 führt zu einer breiten Diskussion über die Zukunft der Linkspresse in der Schweiz. Eine Studie der Schweizerischen Journalistenunion kommt zum Schluss, dass in den anderen Medien das «Erlebnis» am Arbeitsplatz, das für die Arbeitnehmenden von zentraler Bedeutung sei, nicht oder idealisiert zur Darstellung komme. Dafür brauche es eine Tageszeitung, die auch den Zusammenhalt der Arbeitnehmenden fördere. Sie müsse nicht parteigebunden sein, aber Partei ergreifen. Die Studie fordert Besinnung auf den grössten gemeinsamen Nenner und einen zentralen Druckort. Eine Auflage von 140 000 sei möglich, sind die Autoren überzeugt. Doch vorläufig scheitern alle Versuche in dieser Richtung Problem Parteipresse erkannt. 1973 feiert die «Winterthurer AZ» ihr 75-Jahr-Jubiläum, wiederum mit einer Sonderausgabe. Genossenschafter Balz Hosang weist darin erstmals auf das Problem der Parteipresse hin. In der Frühzeit der Demokratie seien Parteien und Presse kaum zu trennen gewesen, schreibt er. Doch nun hätten sich diese Bindungen oft gelöst, Zeitungen seien marktgebundene und profitorientierte Unternehmen geworden. «Für die «Winterthurer AZ» ergibt sich daraus ein beklemmender Ausblick in die Zukunft», folgert er. Zwei Jahre später wird Hosang den Antrag auf Einstellung der «AZ» vorbringen.

Die erste Frau auf der Redaktion. 1973 wird auf der Redaktion der «Winterthurer AZ» erstmals eine Frau eingestellt: Erna Moser, die Frau des seit 1972 auf der Redaktion arbeitenden Hans Moser. In der Jubiläumsausgabe schreibt sie über sich als «emanzipierte Frau»: «Manchmal stehe ich am Kochtopf meinen Mann, zwischendurch bin ich einfach eine Frau.» Für ihren Redaktionsalltag verwendet sie Bilder aus der Küche:«Manchmal habe ich Protestreaktionen hinzunehmen. Wenn ich zum Beispiel, um ja nicht fades Zeug anzubieten, mein Gebräu versalze. Hingegen hat noch nie jemand reklamiert, weil ich mit den Zückerchen grosszügig war.» Doch die erste Frau verlässt die Redaktion im Streit: Pressunionspräsident Ernst Bühler ist mit ihrer Leistung nicht zufrieden. «Ohne ihren Mann (der die Redaktion 1974 verliess), sei sie der Aufgabe nicht gewachsen», wird er im Pressunionsprotokoll vom 21.5.1975 zitiert. Für die nächsten 13 Jahre sind die Redaktoren alle Männer.

Die «AZ» ist der SP zu rechts. Nach dem Scheitern des AZ-Rings präsentiert sich die «Winterthurer AZ» im Januar 1973 wie ihre Zürcher Schwester erstmals mit lokaler Frontseite. Das Konzept 73 des Zürcher Redaktors Paul L. Walser will, dass lokale Ereignisse das Blatt prägen. Eine Idee, die sich in Winterthur erst in den neunziger Jahren definitiv durchsetzte. Diesmal bleibt die Front nur ein Jahr lang lokal. Ende 1973 gibt die «Zürcher AZ» auf. Die «Winterthurer AZ» verliert damit ihren nationalen und internationalen Mantel. Sie steht nur noch mit dem selbstproduzierten Lokalteil da. Was tun? Die Lösung, die sie wählt, ist unkonventionell und bringt ihr im folgenden Jahrzehnt eine nicht mehr abbrechende Kritik ein: Sie wählt- aus Kostengründen- die Zusammenarbeit mit dem bürgerlichen «Badener Tagblatt». Die Akten der Pressunion aus dieser Zeit sind nicht erhalten, im Blatt wird der Schritt zwar angekündigt, aber nicht weiter erklärt. Man kehrt 1974 sogar, trotz der bürgerlichen Quelle, zu einer überregionalen Frontseite zurück. Und das Erscheinungsbild wird wieder bräver; Das rote «AZ»-Kürzel verschwindet von der Frontseite. Der neue Zeitungskopf orientiert sich an der «Arbeiterzeitung» der sechziger Jahre.

Einstellen? Die übernahme von Ausland- und Inlandseiten von einer bürgerlichen Redaktion, die politisch gegensätzliche Standpunkte vertritt, ist natürlich ein Problem. So lesen die Winterthurer Arbeiterinnen und Sozialdemokraten beispielsweise am 3.1.1974: es müsse endlich gegen die sakrosankten Gewerkschaften in England vorgegangen werden. Zur Verteidigung dieser Zusammenarbeit mit dem «Badener Tagblatt» muss allerdings gesagt werden, dass sich auch im Auslandteil Hintergrundartikel finden, die auf der Linie der «AZ» sind und vermutlich gesamten fortschrittlichen Hälfte der Winterthurer Bevölkerung als «ihre Zeitung» anerkannt wird, dann hat die «Winterthurer AZ» durchaus eine gute überlebenschance, schreibt Verwaltungsrat und Geschäftsführer Bernhard Ott anfangs 1984 in der «Winterthurer AZ». Konsequent verfolgt die neue Herausgeberin diese öffnung: Die «AZ» soll nicht mehr Gesinnungspresse und Parteisprachrohr, sondern linksgrüne Alternative zum «Landboten» sein. 1983, bei der Einstellung von Redaktor Stephan Dové, ist das sozialdemokratische Parteibuch noch ein Muss gewesen. Von den späteren Redaktoren und Redaktorinnen sind nur noch zwei in der SP, seit 1990 niemand mehr.

Ein rotgrüner Mantel. Um die fortschrittlichen Köpfe Winterthurs tatsächlich zu gewinnen, investiert man in die Qualität: 1988 ist Schluss mit dem umstrittenen Badener Mantel. Die neu gegründete Mantaz AG in Schaffhausen produziert einen gemeinsamen Inland- und Auslandteil für die «Winterthurer AZ», die «Schaffhauser AZ», das «Volksrecht» und die «Ostschweizer AZ», später stösst auch die «Berner Tagwacht» dazu. Die neue Mantelredaktion versteht sich nicht als Organ der SP oder der Gewerkschaften, siedelt sich aber im rotgrünen Spektrum an und gibt linken Themen in Berichterstattung und Kommentaren mehr Gewicht. Die Winterthurer Lokalredaktion wird bis 1990 von 1,2 auf 3,5 Stellen aufgestockt, ein weiterer Ausbau ist geplant. Ab November 1990 erscheint nach 17jährigem Unterbruch wieder eine Samstagsausgabe. Und die Zeitung erhält ein neues, modernes Layout. Die Abozahlen stabilisieren sich daraufhin.

Krach mit der Redaktion. Doch der Lichtblick dauert nicht lange. Im Jahr 1990 fährt die Zeitung ein Rekorddefizit ein. Schuld sind einerseits hohe Zinsen und ein Inseraterückgang, andererseits eine Auseinandersetzung zwischen Verlag und einem Grossteil der Redaktion. Weil nun vier Personen (zwei Männer und zwei Frauen) auf der Redaktion arbeiten, die ihre internen Konflikte nicht immer in den Griff kriegen, will der Verlag klare Strukturen schaffen. Die Redaktion ist zu Beginn einverstanden, eine Redaktionsleiterin oder einen Redaktionsleiter einzustellen. Der Konflikt entzündet sich erst, als der zukünftige Redaktionsleiter feststeht. Drei Redaktionsmitglieder protestieren und fordern, alles beim alten zu lassen, weil sie den Journalisten für ungeeignet halten. Der Verlag reagiert mit der Kündigung aller Verträge und bietet der Redaktion neue an, deren Bestandteil ein Redaktionsstatut ist, das ihre Kompetenzen und die des leitenden Redaktors regelt. Drei der vier Redaktionsmitglieder verlassen daraufhin die «Winterthurer AZ». Das Image der Zeitung leidet, da der Personalkonflikt bei einer «AZ» in linken uns auch in grossen bürgerlichen Blättern viel Aufsehen erregt. Die Zeit des Ausbaus ist vorbei. In den folgenden Jahren werden die neu geschaffenen Stellen wieder reduziert.

Die Nase vorn. Die distanzierte Haltung der Winterthurer SP zur «AZ« hat auch Vorteile: Sie erleichtert den Schritt weg von der Meinungspresse hin zu einem modernen und unabhängigen Journalismus. Im Gegensatz zu anderen «AZs» sitzen in Winterthur schon lange keine Meinungsträger der SP mehr in Redaktion und Verlag, selbst die Parteimitglieder sind bis 1990 verschwunden. Der neue Verwaltungsratspräsident Guido Weber treibt den Kurswechsel weg vom Parteiblatt konsequent voran. Laut Redaktionsstatut ist die «AZ» seit 1990 eine «kritische und unabhängige Zeitung, die für eine menschengerechte und demokratische Ordnung eintritt(...)». An die Stelle der Ideologie treten journalistische Ambitionen. Die «AZ» will nicht mehr nur Informationen vermitteln und kommentieren. Im Redaktionsteam um den leitenden Redaktor Markus Koch werden ab 1990 Recherchen, eine gute Schreibe und eine ansprechende grafische Gestaltung immer wichtiger. Und die Berichterstattung über Winterthur erhält mehr Gewicht. Seit Anfang 1993 ist die Front und die zweite Seite dem lokalen Geschehen gewidmet, manchmal noch eine dritte. Schweiz und Ausland finden weiter hinten Platz. Die Namensänderung von «Winterthurer AZ» zu «Stadtblatt» am 3. 1. 1997 vollzieht äusserlich nach, was feststeht: Immer weniger Arbeiter lesen die «AZ». Im Gegenteil: Eine Abonnentenbefragung ergab 1994, dass knapp 30 Prozent über einen Hochschulabschluss verfügen und 46 Prozent über eine Matura. Gerade noch 39 Prozent waren in der SP. Ein grosser Teil gab an, neben der «AZ» auch noch den «Lanboten», den «Tages.Anzeiger» oder die «NZZ» zu lesen. Und 99 Prozent interessierten sich am meisten für den Lokalteil der «AZ».

Zu intellektuell? Nicht alle waren damit einverstanden, dass die «AZ» seit den späten 80er-Jahren versuchte, auch Leute ausserhalb der Arbeiterschaft anzusprechen. Peter Berger gab am 28.6. 1988 seinen Rücktritt aus dem Verwaltungsrat bekannt. Auslöser war die «Verunglimpfung einer SP-Gemeinderätin» in der «AZ». Berger fand damals: «Die Zeitung dient einer akademisch gebildeten Clique als Forum, die für einfache Arbeitnehmer nur Verachtung übrig hat.»

Nur noch lokal. Als die Geldnöte 1997 weitere, massive Einsparungen erfordern, vollzieht das «Stadtblatt» den Schritt zur reinen Lokalzeitung, die nur noch dreimal wöchentlich erscheint. Beinahe wie vor hundert Jahren. Aber nicht ganz, denn die Ziele des linken Blattes haben sich gewandelt: «Die sechstgrösste Stadt der Schweiz braucht eine zweite Zeitung», ist der leitende Redaktor Thomas Möckli heute überzeugt. «Denn für gute Recherchen und kritische Berichte braucht es Konkurrenz, damit sich beide mehr anstrengen müssen.» Er möchte, dass aus dem «Stadtblatt» eine lokale Qualitätszeitung wird, die vertiefte Informationen über die Stadt anschaulich präsentiert. «Noch leidet die Qualität manchmal, weil wir einfach zuwenig Leute sind», bedauert er. Doch die Entwicklung der Abonnentenzahlen lässt hoffen, dass das «Stadtblatt» sich auf gutem Weg befindet: Seit Mai, also seit das «Stadtblatt» auf einen nationalen und internationalen Teil verzichtet und dafür mit grösserem Lokalteil erscheint, sind die Abozahlen markant angestiegen.

Irène Troxler, Historikerin
Letzte Aktualisierung ( Samstag, 12. Januar 2008 )
 
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